Der Spalt

Es gibt einen Spalt zwischen dem, was meine Lust befriedigt und der Realität. Die Gesellschaft, in der wir leben, verleugnet diesen Spalt und nennt dies dann Selbstverwirklichung. Der Grund, mehr zu wollen, als wir brauchen, liegt im Begriff Individualismus. Individualismus ist nämlich nichts anderes, als der Versuch, den beschriebenen Spalt zu füllen, selbst wenn dies zur Selbstzerstörung führt. Dieser Spalt jedoch existiert nur deshalb, weil es den Gedanken des Individualismus gibt: Der Mensch ist auf andere Menschen angewiesen, und anstelle seinen Platz in der Gesellschaft zu akzeptieren und zu helfen, wo man nur kann, wird versucht, sich selbst zu verwirklichen, seine eigene Lust zu erfüllen unter dem Opfer, dass man durchaus hat, nämlich die Selbstzerstörung. Lacan nennt dies "Jouissance", Freud den "Todestrieb". Und wie Recht diese Menschen doch hatten! Erkennen wir nun diesen Spalt zwischen Lust und Realität an, machen wir uns dessen bewusst und versuchen nicht, diesen Spalt zu verleugnen, indem wir ihn auszufüllen suchen, dann werden wir sehen, was unsere grundlegenden Bedürfnisse sind und werden Wege finden, mit diesem Spalt zu leben, ohne leiden zu müssen. Dann werden wir die Wahrheit erkennen, nämlich dass der Mensch genau wie jedes andere Tier, welches in der Gruppe lebt, nur überleben kann - und dies auf langer Sicht - wenn er mit anderen Leuten intuitiv zusammenarbeitet, ohne den Wunsch zu haben, sich selbst zu verwirklichen. Dazu muss er ganz ehrlich sein zu anderen und sich nicht vorlügen, dass er glücklich ist, weil er seine Lust erfüllt hat, indem er den Spalt verkennt. Glück und Unglück existieren dann nur noch in der Tatsache, dass es schmerzt, jemanden zu verlieren, z.B. bei Tod oder Verlassen des Partners. Am besten wäre es natürlich, wenn die Begriffe Glück und Unglück völlig verschwänden und dafür der Begriff "Schicksal" diese Dualität mit einem Worte aufhebt. Sein Schicksal anzuerkennen ist, den Spalt anzuerkennen und mit all seinen Gefühlen - rein nach Gefühl - zu leben. Indem wir nämlich die Gefühle benennen, erhalten wir automatisch eine Dualität, die genau dazu führt, was das Problem ist: Glück bedeutet nämlich, seine Lust zu erfüllen und den Spalt zu verkennen, Unglück bedeutet, dass der Versuch, diesen Spalt zu füllen, gescheitert ist. Ich selbst schaffe es vielleicht nicht, das zu verwirklichen, aber ich hoffe, dass andere nach mir dies beherzigen. Dazu ist es jedoch notwendig, den Individualismus aus dem Unbewussten verschwinden zu lassen, gleich mit der Erziehung zur Wahrheit, zum Schicksal, zu beginnen. Es ist wie ein verinnerlichter Utilitarismus, der jedoch auf Intuition und Gefühl basiert.

Dies ist die Wahrheit des Menschen.  

25.6.08 16:30

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen